Ein Beitrag von Kimiya Keshavarz und Laura Schibbe aus dem Archiv der deutschen Frauenbewegung
Sophie Junghans schrieb gegen Rollenklischees, lange bevor feministische Literatur ein Begriff war. Ihre Protagonistinnen? Stark, unbequem, selbstbestimmt. Zeit, diese mutige Stimme aus Kassel wiederzuentdecken! So die Einschätzung von Kimiya Keshavarz, die unter anderem Sophie Junghans‘ Spuren während ihres Freiwilligen Sozialen Schuljahrs im Archiv der deutschen Frauenbewegung verfolgt hat.

Kindheit und Jugend
Sophie Junghans war von bürgerlicher Abstammung und wurde am 3. Dezember 1845 in Kassel geboren. Im Alter von 14 Jahren verlor sie ihren Vater Justus Junghans, der kurfürstlicher Hofrat war. Ein Ereignis, das sie später als tiefen Einschnitt in ihrer Biografie beschrieb. Um ihre Familie zu unterstützen, half sie ihrer Mutter Helene sowohl im Haushalt als auch später bei der finanziellen Sicherung des Lebensunterhalts.
Der Werdegang von Sophie Junghans
Ihre frühen Kindertage beschrieb Sophie Junghans in späteren autobiografischen Notizen als „Kindheitsparadies“, sie wuchs ganz in der Nähe der Martinskirche auf. . Sophie Junghans erhielt ihre schulische Ausbildung an einer Privatschule, die von Marie Engel und Bernhard Köster geleitet wurde. Im Unterricht von Dr. Altmüller machte sie erste Bekanntschaften mit bedeutenden Schriftstellern, darunter Werke von Wolfgang von Goethe, die sie beeindruckten. Nach dem Tod ihres Vaters war es Bernhard Köster, der sie ermutigte, einen Beruf zu ergreifen. Sie entschied sichtrotz innerer Widerstände, für ein den Weg des Lehrerinnenseminars, um später ihre Mutter finanziell zu unterstützen, da seit dem Tod des Vaters, die finanzielle Grundlage der Familie fehlte, denn auch in der Familie von Junghans, galt der Vater zeittypisch als Versorger, und die Familie geriet beinahe in mittellose Not. Sie ging in den Taunus zunächst zum Müller‘schen Institut in Friedrichsdorf, wo sie Kontakte zu internationalen Schülerinnen knüpfte. Ein Jahr später kehrte sie nach Kassel an die Köster’sche Schule zur Vorbereitung des Lehrerinnen-Examens zurück.
Berufliche Anfänge als Lehrerin
1863 zog Junghans nach Berlin, um ihre erste Erziehrinnenstelle anzutreten. Schon wenige Monate später kündigte sie, kehrte für kurze Zeit nach Kassel zurück und brach nach England auf „auf’s Geratewohl, um was ich gelernt hatte, dort zu verwerten.“ 1864 bis 1869 verbrachte sie in England, wo sie Bekanntschaft mit der britischen Literatur machte, darunter britische und irische, welche sie in ihrer Einzigartigkeit beeindruckten. Ab1864 unterrichtete Junghans in England, um den Lebensunterhalt ihrer Familie mit zu bestreiten. Diese Tätigkeit empfand sie jedoch erneut als Belastung und als Einschränkung ihrer persönlichen Entfaltung. 1869 begann sie in ihrer Heimatstadt Kassel als Lehrerin an der städtischen höheren Töchterschule des Casseler Frauenbildungsvereins und unterrichtete dort zwei Jahre lang Latein und Geschichte. Bestärkt durch ihren ehemaligen Lehrer Altmüller widmete sie sich verstärkt dem Schreiben. Im selben Jahr veröffentlichte sie ihre erste Gedichtsammlung namens „Gedichte“. Während dieser Zeit als Lehrerin wurde ihr schriftstellerisches Talent zunehmend erkannt und sie schrieb ihre erste Erzählung „Verflossene Stunden“, erschienen 1871. Dieser Verlagserfolg und das dafür gezahlte Honorar bewog sie, ihre Lehrtätigkeit ganz aufzugeben und nur noch schreiben zu wollen.

Übergang zur Schriftstellerkarriere
Ab 1871 verkehrt sie regelmäßig in Berliner Literaturkreisen. 1876 reiste sie nach Italien, wo sie ihren späteren Ehemann, den Lehrer und späteren Bonner Dozenten Joseph Schuhmann, kennenlernte. 1877 heirateten die beiden, doch das Eheleben verlief unglücklich und nach zwei Jahren erfolgte die Scheidung. Aus der Verbindung ging ein Sohn hervor. Nach der Trennung kehrte Junghans nach Wiesbaden zurück und widmete sich fortan vollständig ihrer Schriftstellerkarriere.
Ihr Schriftstellerisches Werk: Themen und Stil
Sophie Junghans veröffentlichte über zwanzig literarische Werke. Ihre Romane thematisierten häufig unkonventionelle Frauenfiguren, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnten und ihr Leben nach eigenen Maßstäben führten, wie in ihrem Werk „Die Amerikanerin“. Junghans porträtierte meist bürgerliche oder adelige Frauenschicksale, welche autobiografische Züge aufweisen. Die Frauenfiguren hatten durch ihr Bildungsniveau oft eine ökonomische Unabhängigkeit. Junghans war zu ihrer Zeit sehr erfolgreich auf dem Literaturmarkt, was ihre vielen Publikationen sowie ihr schriftstellerischer Beitrag im Familienblatt „Die Gartenlaube“ belegen. Ihr Werk wurde zahlreich übersetzt.

Zum Beispiel „Die Amerikanerin“
Als Beispiel möchte ich Sophie Junghans’ Roman „Die Amerikanerin“ auswählen, der 1886 erschien. Darin wird die Geschichte von Frances Webster erzählt, einer jungen, unabhängigen Amerikanerin, die nach Deutschland kommt, um ein neues Leben zu beginnen. Sie kommt bei der verwitweten deutschen Ärztin Dr. Lindenberger in Pension und wird mit den engen sozialen Normen und den traditionellen Erwartungen der wilhelminischen Gesellschaft konfrontiert. Junghans beleuchtet in ihrem Werk die Spannungen zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Anpassung und stellt mit Frances eine Frauenfigur vor, die sich bewusst gegen die starren Rollenbilder ihrer Zeit stellt. Der Roman bietet damit nicht nur einen Einblick in die Lebensbedingungen von Frauen im 19. Jahrhundert in Deutschland, sondern ist zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen und kulturellen Zwängen jener Epoche.
In „Die Amerikanerin“ stellt Junghans verschiedene Frauenfiguren dar, die unterschiedliche Rollen und Möglichkeiten in der Gesellschaft repräsentieren. Frances Webster verkörpert das Ideal einer modernen und progressiven Frau: Sie ist gebildet, selbstbestimmt und stellt gesellschaftliche Normen infrage. Ihre amerikanische Herkunft hebt sie von dem deutschen Frauenbild des 19. Jahrhunderts ab, in dem Frauen meist eine untergeordnete Rolle spielen. Doch genau diese Unangepasstheit macht sie zur Außenseiterin. Im Gegensatz zu ihr steht die Doktorin Lindenberger, verwitwete Arztgattin und Mutter, die zwischen Tradition und Fortschritt gefangen ist. Obwohl sie beruflich unabhängig ist, bleibt sie durch gesellschaftliche Konventionen eingeschränkt und sieht sich aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, Pensionsgäste aufzunehmen. Diese Notlage setzt sie zusätzlich unter Druck. Die Töchter Bella und Grete Lindenberger hingegen repräsentieren das traditionelle Frauenbild. Sie wachsen in einem Umfeld auf, das von gesellschaftlichen Erwartungen an die jungen Mädchen, sogenannte „Backfische“ geprägt ist, und stehen vor der Herausforderung, sich entweder diesen Normen zu fügen oder ihren eigenen Weg zu gehen. Die Gesellschaftsdamen schließlich stehen für das konservative Rollenverständnis jener Zeit. Sie legen besonderen Wert auf Mode und gesellschaftliches Ansehen und symbolisieren die Werte, gegen die Figuren wie Frances und Dr. Lindenberger ankämpfen.
Sprachliche Besonderheiten von Junghans’ Werk
Junghans’ Sprache zeichnet sich in diesem Werk durch eine präzise Beobachtungsgabe und eine feinfühlige Ironie aus. Ihre Erzählweise ist detailreich und nutzt gezielt Kontraste, um gesellschaftliche Unterschiede sichtbar zu machen. Besonders deutlich wird dies in den Dialogen, die oft von feinem Humor und kritischer Distanz geprägt sind. Frances spricht direkter als die deutschen Figuren, wodurch ihre Andersartigkeit besonders hervorgehoben wird. Zudem setzt Junghans Symbolik und Metaphern gezielt ein. Kleidung und äußere Erscheinung werden dabei als Ausdruck von gesellschaftlichem Status und kultureller Zugehörigkeit verwendet. Frances’ unkonventionelle Garderobe hebt sie visuell von den anderen Figuren ab und dient als Symbol ihrer Unangepasstheit. Auch gesellschaftskritische Untertöne sind ein wesentliches Merkmal von Junghans’ Werk. Die Erzählerstimme kommentiert das Geschehen mit subtilem Spott, insbesondere wenn es um die Heuchelei und das starre Klassendenken der deutschen Gesellschaft geht.

Rezeption und Kritik
Obwohl sie zu Lebzeiten eine bekannte Autorin war, wurde Junghans’ Werk von der literarischen Öffentlichkeit oft nicht gewürdigt und ernst genommen. Zeitgenössische Kritiker bezeichneten sie häufig als „Unterhaltungsschriftstellerin“, was ihrer kritischen Perspektive auf die wilhelminische Gesellschaft nicht gerecht wird. Besonders auffällig wurde mir in der Beschäftigung, wie sexistisch der Umgang mit ihrer Literatur war, da viele männliche Autoren mit ähnlichen Themen, deutlich mehr Anerkennung erfuhren.
Krankheit und letzte Lebensjahre
Im Jahr 1901 wurde Sophie Junghans aufgrund einer akuten Neurasthenie in die Heilanstalt Marburg eingewiesen. Diese Erkrankung führte zu einer verstärkten geistigen Erschöpfung und beendete ihre schriftstellerische Laufbahn. Obwohl sie bereits zu Lebzeiten eine prominente Persönlichkeit war, verweigerte sie in der Heilanstalt jegliche Gespräche über ihre Werke oder ihre Person.
Letzte Jahre und mögliche Ursachen der Erkrankung
Junghans zog sich vollständig aus ihrem bisherigen Leben zurück und brach auch den Kontakt zu ihrer Familie ab. Sie wollte nicht, dass ihr Sohn sie in ihrem kranken Zustand sah. Mehrfach versuchte sie, sich das Leben zu nehmen, doch das Pflegepersonal verhinderte dies. Als mögliche Ursachen für ihre Erkrankung gelten der hohe Stress durch die finanzielle Verantwortung für ihre Familie sowie der immense Arbeitsaufwand beim Schreiben ihrer Romane. 1904 zog sie nach Frankfurt am Main. Sie starb am 16.12.1907 in Hildburghausen.
Bedeutung und Nachwirken
Sophie Junghans war eine der frühen Vertreterinnen feministischer Literatur in Deutschland. Ihre Werke lieferten eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zwängen der wilhelminischen Zeit und stellten selbstbestimmte Frauenfiguren in den Mittelpunkt. Trotz ihrer literarischen Bedeutung blieb sie lange Zeit weitgehend unbekannt, wie viele literarische weibliche Stimmen ihrer Zeit, bekam sie keinen Eingang in den Literaturkanon. In Kassel erinnert ein Schild seit 2013 an sie, das Teil eines Wegweiserprojekts über Kasseler Schriftstellerinnen und Schriftstellern ist und im Durchgang zum Archiv der deutschen Frauenbewegung hängt. Seit 2019 trägt im Kasseler Stadtteil Harleshausen den Namen der Schriftstellerin Sophie Junghans.
Autorin: Kimiya Keshavarz, ehrenamtlich im AddF für ihr freiwilliges soziales Schuljahr 2024/2025; redaktionelle Betreuung Laura Schibbe, AddF.
Mehr zum Freiwilligen Sozialen Schuljahr finden Sie unter: https://fssj-ks.de/
Verwendete Literatur:
Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten, Bd. 3, S. 382-383.
Sophie Junghans: Selbstbiografische Notizen, in: Hessenland 1899, 13 Jg., S.22-24, S. 35-37, S.4 4-47.
Karen Nolte: Gelebte Hysterie, Frankfurt 2003.
Astrid Otto: Frauen des 19 Jahrhunderts in Kassel und Nordhessen – Lebensläufe und Bibliographen (1756-1943), Kassel 1986
Sophie Pataky: Lexikon deutscher Frauen der Feder, Band 2, Berlin 1898, S. 280-281, Eintrag Sophie Schuhmann, geb. Junghans.
Urte Helduser: Sophie Junghans in: Kleines Kasseler Literatur-Lexikon, hg. von Nikola Roßbach, Hannover 2018, S. 470-471.
Bilder:
Porträt Sophie Junghans, AddF Kassel, Signatur AddF-F1-00944, Rechte vorbehalten – Es handelt sich um eine Privataufnahme unbekannten Ursprungs.
Titelcover: Sophie Junghans: Die Amerikanerin, Leipzig 1886, Digitalisat: Bayerische Staatsbibliothek, München https://mdz-nbn-resolving.de/details:bsb11675162
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Susanne Rappe-Weber (31. Juli 2025). „Rebellin mit Feder“ – Spurensuche zur Kasseler Autorin Sophie Junghans. Archive in Nordhessen. Abgerufen am 7. August 2026 von https://doi.org/10.58079/14g99